Das Herz voller Dämonen, die Taschen voll mit Monstern

Als klar wurde, dass ich meine Freund°innen in den anderen Berliner Bezirken auf unbestimmte Zeit nicht treffen könnte, da wir als etwaige Träger°innen des Virus, nicht auch noch Öffis fahren wollten, tippte mein Finger von selbst auf jene App, die ich seit drei Jahren bewusst nicht antippe. Seitdem renne ich durchs Wuhletal und fange niedliche Taschenmonster.

Als Kind und Teenager war ich ziemlich gut in den Pokémon Gameboy Spielen. Schon damals zeigte sich aber meine Tendenz zu suchtartigem Verhalten beim Medienkonsum.
Es ist so, dass ich nur selten neue Serien anfange, da ich dazu neige, heftig zu bingen, bis nichts mehr übrig ist und darüber alles vergesse. Ich stelle mir vor, dass, wenn es Pokémon Go schon vor 18 Jahren gegeben hätte, ich heute die Arenaleiterin von Berlin-Brandenburg wäre. Und nie ein Buch geschrieben hätte. Oder Sex gehabt. Was ich rückblickend betrachtet schade finden würde, aber vermutlich würde es mir nicht einmal fehlen.

Als die Pogo App vor drei (?) Jahren herauskam, hielt ich mich also bewusst zurück. Da ich mich kannte. Ich fand es für irgendwie mich wichtiger, Bücher zu schreiben und einem Job nachzugehen. Nun ja … beides tue ich aus Gründen gerade nicht. Hinzu kommt, dass ich nicht wie ein normaler Mensch mit meinen Freund°innen kaffeetrinkenderweise in Cafés sitze und soziale Nähe genieße. Und das werde ich für einige Wochen nicht tun. Wochen, in denen ich nicht reisen sollte, aber auch nicht nur mit meinem Hintern Zuhause bleiben. Als Einzelperson, die ohnehin gerne einen großen Bogen um Fremde macht, kann ich viel rausgehen. Der Schluss, also der Tippser mit dem Finger auf die App, war nur logisch und sogar vernünftig. (höhö)
Ich spiele das Spiel jetzt seit neun Tagen und bin laut dem Spiel schon 130 km gelaufen. Die nähere Umgebung rauf und runter – dabei entdecke ich Orte, die ich in den zehn Jahren, die ich in Nord-Marzahn lebe, noch nie aufgesucht hatte. So kann es gehen.
Und ich bin anscheinend auch in dieser Version der japanischen Monsterchen ziemlich gut. Jedenfalls habe mir schon einen Namen gemacht: Evoli-Schreck vom Bürgerpark. Ein Traum ist wahr geworden.

Neige ich zu hefigem Suchtkonsum, langweile ich mich jedoch auch relativ schnell. Ich weiß, dass ich in spätestens einem Monat das Spiel nicht mehr als absolute Realitätsflucht betrachten kann, da ich es überhaben werde. Das ist jetzt schon absehbar, da ich fast alle momentan fangbaren Pokémon … gefangen habe und durch das steigende Level die Erfolge schwerer zu erlangen sind. Mühsam wird es, harte Arbeit und Disziplin. Dass ich dazu in der Lage bin, einen Text zu schreiben, zeigt mir, dass ich schon wieder zu anderen Dingen in der Lage zu sein scheine. Aber die ersten sechs Tage, in denen ich mich kaum mit dem Virus oder meinem Haushalt oder meiner Karriere befassen musste, im wahrsten Sinne den Kopf ausschalten konnte, waren klasse!
Heute ist auch der erste Tag seit dem shut-down, an dem ich mich mit einer Freundin treffen werde. Sie wohnt drei Tramstationen entfernt und hat ihren ersten freien Tag. Wir gehen Pokémon fangen und trinken Kaffee aus Thermosbechern 🙂

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