A fruity adventure for the whole family

Sonntag. Woche 3 der Kontaktsperre.

Ich lasse mir ein Patschuli-Hanf-Bad ein, es ist blau und beruhigend und riecht nach frisch gestylten Gruftis. Dazu 3 Teelichter, eine Tafel Schokolade, eine Nagelschere am Badewannenrand, ein Kinder-Choco-Fresh, eine Tuchmaske mit Hyaluronsäure, einen Monte-Joghurt und einen scharfen Rasierer. Die letzten Wochen waren launisch, die Zustände manchmal menschenunwürdig und doch häufig zum Totlachen. Zeit für eine Metamorphose und einen kleinen Rückblick:

Bochum. 3 Tage vor der Kontaktsperre.

Ungewissheit macht sich breit. Ausgangssperren werden besprochen, Ländergrenzen geschlossen. Die Türkei und Dänemark sind schon dicht, andere werden wohl schnell folgen. „Ob ich wohl meinen Friseurtermin absagen muss?“, fragte ich mich, als ich die Boxen mit den Gesellschaftsspielen für Kinder auf den Tisch stellte.

„What about Monopoly?“, fragte Josue – unser gestrandeter Hausgast.

„Erst ab Woche 3! Wir sind noch nicht soweit…“, erwiderte Ehemann Nils.

Josue, ein großer Latino, aber ohne die generischen Charakteristika, die einem ggf. jetzt in den Sinn kommen, ist noch frohen Mutes zu dieser Zeit und plant in ein paar Tagen nach Rumänien weiterzuziehen. Wilde Landschaften, Berge, alte Schlossruinen, die als Kulisse für den berühmten Roman von Bram Stoker dienen… Zu diesem Zeitpunkt wusste er noch nicht, dass das einzige Reisefieber was er in den nächsten Wochen erleben würde, jenes ist, welches ihn bei der Kostenrückerstattung seiner Flüge überfallen würde. Aber ich greife zu weit vor…

 “I start to read the rules, it’s very easy to understand. Still – it’s a game for children, okay guys?”. Die beiden starrten ungläubig auf die Karten mit den Zitronen, Pflaumen und Bananen, die um die silberfarbene Glocke in der Mitte des Tisches ausgelegt waren. Ich konnte die Vorfreude auf das Lieblingsspiel meiner Kindheit kaum unterdrücken:

“A fruity adventure for the whole family! First mix the pile of cards…“

„No way this is written in there!“, unterbrach mich Josue, „You just made that up!”, worauf ich mit hochgezogenen Augenbrauen die erste Seite des Regelheftes in sein Gesicht hielt.

„Das klingt irgendwie falsch…“, stimmte Nils ihm zu.

„Dude my mind is making up pictures…“, kam von Josue zurück und beide fingen an, sich bubenhaft anzugrinsen. Ich ließ mich nicht davon ablenken und führte weiter die Regeln aus.

Das war in der ersten Woche und ich möchte mit einigem Nachdruck verkünden, dass das Niveau in der unfreiwilligen WG seither kontinuierlich gesunken ist.

In Woche 2 überkam mich die Erkenntnis, wie lange die Kontaktsperre und alle damit verbundenen Folgen für das öffentliche Leben wohl noch anhalten wird, vor allem für mich als ehrenwertes Mitglied der Hochrisikogruppe! Mit dieser Gewissheit steigerte sich in den nächsten Tagen unangekündigt das stechende Gefühl von Kontrollverlust und die täglichen Panikattacken erhöhten sich zu einem unangenehmen Pensum. Dabei hat sich in Woche 0 noch eine ganz andere Realität in meiner Vorstellungskraft zusammengebraut. In der Woche, bevor mein Arbeitgeber die Tore schloss, war in Italien bereits die Hölle los und ich war unablässig damit beschäftigt, die Reisen und Veranstaltungen für unsere Mitarbeiter zu stornieren. Wie ich damals so in meinem seelenlosen Büro saß und sehnsüchtig auf die Uhr sah, erschien mir eine wunderbare Vision einer Realität, bestimmt durch die Ausgangssperre, in der ich zu Hause endlich die Zeit hatte, alles nachzuholen, zu entspannen, zu renovieren, neue Sprachen zu lernen und vor allem ganz natürlich in meinem eigenen Habitat existieren zu können, ohne den ganzen Arschgeigen zu begegnen, vor denen ich mich aufgrund des gesellschaftlichen Berufsethos verstellen musste. Ein kleiner Goth, der durch seine Wohnung und den eigenen Garten tänzelt, verzückt durch die neu gewonnenen Freiheiten, gepflegt, ausgeschlafen und endlich ausgeglichen. Mein innerer Misanthrop jubilierte damals und hoffte dieser Traum würde bald in Erfüllung gehen…

“But what happens when…”,  

“JOSUE! This game has 2 rules! Who on earth can even make up questions for this game?”

Kurzes betretendes Schweigen – dann ein tosender Lachanfall aller Beteiligten. Außer natürlich von unserem alten Kaninchen-Senior, der im Wohnzimmer auf einer kuscheligen Decke lebt und uns immer so ansieht, als ob er unsere Existenzberechtigung in Frage stellt.

15 Minuten vergehen. „You lose!“, schreie ich voller Aufregung, als ich meine Hand auf die Glocke schmettere und die letzten Karten abräume.

Was in den nächsten Wochen nach diesem ereignislosen Abend folgen wird, ist vergleichbar mit einer fetten Pralinenschachtel voller Chilischokolade. Man weiß nicht, was einen erwartet, daher freut man sich drauf. Dann wird es widerlich und der Geschmack verteilt sich im ganzen Mundraum bis zum Gaumen. Doch weil es die einzige Schokolade im ganzen Haus ist, setzt man sich auf eine Bank im Park mit 1,5m Abstand zum nächsten Menschen und isst die ganze Schachtel auf, bis es vorbei ist.

„Next game is called Kuhhandel! Are you ready, boys?”

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